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Die Gedichte stammen aus dem Gedichteband
"Wo die Stille das
Schweigen bewacht" von Marianne Sedivy
Das Buch ist erschienen bei
Edition Fischer im R.G. Fischer Verlag, Frankfurt 2004
ISBN 3-8301-0589-4
Findling
Ich fand
ein gefrorenes Wort.
Ich nahm es
mir zu Herzen.
Es taute auf,
berührte mich.
* * * * *
An Maria
Ich verwebe mein Frau-Sein mit dir, große Frau,
um das Netz des Lebens zu schützen.
Mit dir rufe ich die Dunkelheit aus ihren Verstecken,
damit sie das Licht ehrt, dessen Hüterin du bist.
Mit dir tauche ich tief in die Geheimnisse hinab,
wo du als Beschützerin des Keimes das abschirmst,
was noch feucht von neuem Leben
der Welt entgegen strebt.
Ich verbünde mich mit deiner Liebe,
die voller Freude die Schöpfung umarmt und
ich singe mit dir den Triumphgesang
über das Leid der Geschundenen.
Als Mutter lege ich die Wurzeln frei,
die Keime der Gewalt und der Macht,
die Wurzeln der Entweihung und Zerstörung
und lege sie in deinen Schoß, große Mutter.
Ich bringe das Lebendige zur Welt und
ich weihe es dir, um dich zu ehren
als Mutter der Erde und Königin des Himmels.
Ich erbitte von dir den Segen für alles, was lebt.
* * * * *
Hoffnung
Ich singe und mein Lied schwillt an.
Mein Lied baut die Brücke hinüber
zum unfassbar Grenzenlosen.
Aus den Urtiefen des Lebens
wächst die Kraft herauf,
das Geschwächte zu stärken,
das zu Tode Getroffene neu zu beleben.
Und du lächelst mir zu
von einem Ort, der tiefer liegt
als das Zentrum der Welt.
Dein Blick durchleuchtet dunkle Flure
und verwandelt Verwüstung
in Freude und Jubel.
Der Sog schwarzer Tiefe hat keine Macht.
„Du veränderst das Geschaffene,
damit bestehen bleibt,
was nicht zu erschüttern ist.“ (vgl. Hebr. 12,27)
* * * * *
Sehnsucht nach Heil
Die Tempel und Kirchen und heiligen Dome
sind groß, viel zu groß für das Volk.
Gott bleibt allein in den Mauern
längst niedergeschwiegener Sehnsucht.
Schale Gerüche egoistischer Bitten
hängen als Echo im zerfressenen Holz.
Ungehört verhallen göttliche Worte
der Liebe, der Nähe, des Segens von ihm.
Sichere, satte, verschlossene Herzen
grenzen Gott aus. Sie brauchen ihn nicht!
Wann beruft er die Frau,
die einmal noch Ja sagt, sich öffnet für ihn?
Den Menschen haftet Verschlossenes an,
etwas, das eigen ist jenen, die leiden.
Sie haben verlernt, die Spuren zu lesen
in der Nacht ohne Namen, der Sehnsucht nach Heil.
Doch heute beginnt die Zeit für das Volk,
das Ich mit dem Wir auszuwechseln,
die Mutter zu rufen, die Gott nicht verschmäht
und aufmacht die ewigen Tore - für ihn.
* * * * *
Sag Ja
Welches Wort
bejaht mich?
In welcher Sonne
bricht das Eis?
Nichts anderes
verfolgt mich
als mein
eigenes Herz.
* * * * *
Nachtgeborener
Wie viel an Liebe
hast du gelehrt?
Kristallene Totalität
voll Kraft und Zärtlichkeit!
In dieser großen Nacht
eint Nadir sich mit dem Zenit.
* * * * *
Erinnerung
Meine Erinnerung
an Kleinigkeiten,
Begegnungen und Gesten,
Anstrengungen,
Musik und Schweiß
entsprechen einem Ozean.
Ich lebe!
* * * * *
Weihrauchzeremonie
Aus Erde und Glut erhebt sich der Rauch.
Er gehört allem, was sich bewegt und bewegt ist.
Dir, unserem Schöpfer, weihen wir seinen Duft:
Alles werden wir heiligen, was wir berühren.
* * * * *
Gesang des Lebens
Leiht mir die Stimme, die Kraft
für den Gesang des Lebens.
Aus allen Poren der Haut
quillt hervor das neue Lied.
Ich muss singen!
Wurzeltiefer Atem gebiert
die Töne des Morgens,
von dem ein neuer Beginn
ausgeht für die Welt.
Ich muss singen!
* * * * *
Ich war unter euch wie einer, der dient
Ich war da,
den lebensträchtigen Schrei zu segnen,
das Stückchen Heilsbrot mit euch zu teilen.
Ich war da,
wenn Leben mit Leben sich einte,
wenn die Hände der Toten niedersanken.
Ich war da,
wenn Tränen nicht ausweinen konnten,
wenn verirrte Angst nach Auswegen suchte.
Ich war da,
wenn Frohsinn das Wildblut erhitzte,
wenn Siege eure Gesichter färbten.
Ich war da
unter euch
wie einer, der dient.
* * * * *
Vision
Weit dehnt sich die Haut aus Schweigen,
doch deine Wurzel wird zum Lied,
bis sie die Welt erfüllt mit Früchten
ganz aus Reife, Duft und Saft.
Deine Stärke voller Sanftheit
und unversehrte Transparenz
lässt Opferungen ungezählt
im Schweigen, jenseits der Geschöpfe.
In deinen Händen das geteilte
Brot, das für uns alle war.
Nie sah ich dich grösser:
Du warst für uns das Brot.
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Greifbar
Ich schütte das Unsagbare
zwischen die Worte
spreche es aus.
Ich verwebe das Unsagbare
zwischen Lachen und Weinen
schaffe ein Wirkfeld.
Ich verschmelze
das Unsagbare
mit Himmel und Erde
forme die Liebe.
* * * * *
Atem Gottes
Wenn ich Erwachen übe
Morgen für Morgen neu,
liebkost mich ewiger Atem,
eint mit dem meinen sich.
Eingeboren bin ich
dem geöffneten Namen,
preise mit meinem Lied
den Ich-bin-der-ich-bin.
Im Atemmantel verwebt
das Ewige Wort
spricht sich aus
im Wachsen des Tages,
weiß um das Aufgeblühte
verdunkelter Innerlichkeit,
wo Schweigen redet
vom großen Geheimnis.
Atem verteilend
beschreibt es das Werden,
buchstabiert Gottes Namen
jeden Tag neu.
* * * * *
Meditation
Ich verlangsame den Atem,
will den Augenblick schauen,
will ihm Zeit geben
zu seiner Entfaltung.
Er ist erfüllt von Innigkeit.
Sieh doch,
aus Ferne wird Nähe,
aus Nähe wird Sein.
Ich lausche mich
an die Grenze des Hörens heran,
bis hin zum Schweigen.
Verklingt das Fortissimo,
beginnt die Reise in die Stille.
Dort sammle ich die Kraft.
* * * * *
Traumtänzerin
(für Maria Munz-Natterer)
Luftleichte du!
Angekommen
wie zielgerichteter Atem.
Lauschendes Licht im Raum!
Du hast dich genährt
vom Feuer des Unbewegten
und hast getrunken
vom Wildblut des ehernen Harten.
Enträtselter Spiralfaden du!
Verflochten bist du
und verwoben
in hauchfeine Transparenz.
Du Windgehauchte,
voll Gekommene -
flügelleicht tanzt du
hinein in die Entwerdung.
Gezeichnet von Tigermut,
dich selbst entatmend
verwehst du -
materieleer.
* * * * *
Das Antlitz Gottes
Ich bin nicht mehr ich,
seit mich Dein Antlitz hat berührt.
Als ich der Blumen Schönheit sah,
im Glitzertropfen Tau erstaunt erkannte,
dass alles Schöne rein und ungeboren ist;
gezeichnet von dem unsichtbaren Hauch,
der liebend in die Schöpfung greift.
Gott strömt überall hernieder!
Ich bin nicht mehr ich,
seit mich Dein Antlitz hat berührt.
Wo Jahre Furchen, Zeichen setzten,
Vergänglichkeit gehämmert in das Sein:
Es ist nicht Ich, was ich als Ich benenne.
Mein Ich bist Du. Du bist es stets gewesen.
Leben, Weg und Ziel bist Du
mein Puls, mein Atem seit ich bin.
Ich bin nicht mehr ich,
seit mich Dein Antlitz hat berührt.
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