Kurzgeschichten
Ein Asket saß meditierend in einer Höhle. Da huschte eine Maus herein und
knabberte an seiner Sandale. Der Asket öffnete verärgert die Augen:
"Warum störst du mich in meiner Andacht?"
"Ich habe Hunger", piepste die Maus.
"Geh weg, törichte Maus," predigte der Asket,
"Ich suche die Einheit mit Gott, wie kannst du mich dabei stören!"
"Wie willst du dich mit Gott vereinigen", fragte da die Maus,
wenn du nicht einmal mit mir einig wirst?"
aus: Th. Dethlefsen; R. Dahlke (Hrsg.), Krankheit als Weg
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Rabbi Pinchas fragte einst seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt.
"Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?" fragte einer der Schüler.
"Nein", sagte der Rabbi.
"Aber wann ist es dann?" fragten die Schüler.
"Es ist dann, wenn du in das Gesicht irgend eines Menschen blicken kannst und deine Schwester oder deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns."
Martin Buber
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Auf der Suche
Jemand beobachte Nasrudin, wie dieser etwas auf dem Boden suchte.
"Was hast du verloren, Nasrudin", fragte er.
"Meinen Schlüssel"; sagte der Mulla.
Beide lagen nun auf den Knien und suchten.
Nach einer Weile fragte der andere:
"Wo hast du ihn denn eigentlich verloren?
"In meinem Hause."
"Aber warum suchst du ihn dann hier draußen?
"Weil es hier heller ist."
aus: Idries Shah, Die fabelhaften Heldentaten des weisen Narren Mullah Nasrudin
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Mutmaßungen
Was bedeutet Schicksal, Mulla?"
"Mutmaßungen."
"Wie das?"
"Du nimmst an, die Dinge nehmen einen guten Lauf, aber sie tun es nicht - das nennst du Unglück. Du vermutest, die Dinge werden schlecht ausgehen, und sie gehen gut aus - das nennst du Glück. Du nimmst an, gewisse Dinge werden geschehen oder nicht geschehen, - und daher fehlt es dir an Intuition, und du hast keine Ahnung, was sich erreignen wird. Du setzt voraus, die Zukunft sei unbekannt.
Wenn man dich bei irgend etwas ertappt - das nennst du Schicksal."
aus: Idries Shah, Die fabelhaften Heldentaten des weisen Narren Mullah Nasrudin
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Feste Ansichten
"Wie alt bist du, Mulla?"
"Vierzig."
"Aber dasselbe hast du gesagt, als ich dich vor zwei Jahren gefragt habe."
"Ja, denn ich stehe stets zu dem, was ich gesagt habe."
aus: Idries Shah, Die fabelhaften Heldentaten des weisen Narren Mullah Nasrudin
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Der verschwundene Esel
"Mulla, dein Esel ist verschwunden"
"Gott sei Dank, habe ich nicht gerade auf ihm gesessen, sonst wäre auch ich verschwunden."
aus: Idries Shah, Die fabelhaften Heldentaten des weisen Narren Mullah Nasrudin
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Die Unterscheidung
Rabbi Pinchas fragte einst seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt.
"Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?" fragte einer der Schüler.
"Nein", sagte der Rabbi.
"Aber wann ist es dann?" fragten die Schüler.
"Es ist dann, wenn du in das Gesicht irgend eines Menschen blicken kannst und deine Schwester oder deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns."
aus: Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim
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Seelengrund
Schüler: Ist Seelengrund dasselbe wie Seele?
Lehrer: Eckehart nennt den Seelengrund das Göttliche in jedem Menschen. Gott und Mensch gehören hier in Einheit zusammen.
Schüler: Dann ist der Weg zu meinem eigenen Seelengrund der Weg zu Gott. Sich selbst finden und Gott finden wäre eins!
Lehrer: So verstehe ich es. In diesen ungeschiedenen Grund - denk an den Brunnen! - soll sich der Mensch fallen lassen, ohne Seil und Netz. Es erscheint als ein Sturz ins Nichts. Immer ist es ein Weg ins Schweigen.
aus: Hubertus Halbfas, Der Sprung in den Brunnen
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