Textpassagen
Übersicht:
Eine Spiritualität der Wandlung
Die Stille
Auszug aus Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten 2
Kleiner Text aus China
Text von Bernhard von Clairvaux
Gelassenheit
Zu Grunde gehen
Von der Liebe
Der Gott der Bibel
Ego
Identität
Suche nach Gott
Das Wesentliche
Gott
Eine Spiritualität der Wandlung
Spiritualität ist die Kunst der Wandlung. Wir dürfen uns nicht zur Veränderung zwingen, indem wir unser Leben in eine vorgefestigte Schablone hämmern. Ja,
wir brauchen uns überhapt nicht der Idee eines Vorbestimmten Programms
oder
Lebensplans unterwerfen. Wir sollten uns vielmehr in der ungewohnten
Kunst
üben, auf den inneren Rhythmus unserer Tage und unseres Lebens zu achten. Diese Achtsamkeit schenkt uns ein neues Bewußtsein unserer eigenen menschlichen
und göttlichen Gegenwart. Ein besonders eindrucksvoller Fall von innerer Wandlung, wie ich sie meine,dürfte allen Eltern vertraut sein. Wir beobachten unsere Kinder aufmerksam, wir meinen, sie durch und durch zu kennen, aber eines schönen Tages überraschen sie uns: Wir erkennen sie zwar immer noch wieder, aber unsere Kenntnis von ihnen erweist sich mit einem
Mal unzureichend. Wir müssen wieder ganz vorn anfangen, ihnen zuzuhören.
Es ist weitaus kreativer, nach dem Ideal der Achtsamkeit als nach dem Diktat des Willens zu arbeiten. Allzuhäufig versuchen die Menschen, ihr Leben dadurch zu verändern, dass sie es mit einem eisernen Willen in die erwünschte Form hämmern. Der Intellekt identifiziert das Ziel des jeweiligen Programms, und der Wille zwingt das Leben in die entsprechende Richtung und Gestalt. Diese Methode, an die Heiligkeit des eigenen Daseins heranzutreten, ist nicht nur brutal, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes oberflächlich. Sie zerrt uns aus unserem eigentlichen Selbst heraus, und die Folge ist oft genug, dasss wir jahrelang in der Wildnis unserer mechanischen "spirituellen Programme" umherirren. Es ist möglich, dass wir hier an einem seelischen Hungertod sterben, den wir selbst verursacht haben.
Sobald wir dagegen anfangen, mit einem anderen Rhythmus zu arbeiten, gelangen wir schnell und mühelos heim zu unserem Selbst. Unsere Seele kennt die geographischen Gegebenheiten unseres Schicksals ganz genau. Nur sie besitzt die Landkarte unserer Zukunft, un deshalb können wir dieser indirekten, abgewandten Seite unserer selbst unbesorgt vertrauen. Wenn wir ihr vertrauen, wird sie uns genau an unser vorbestimmtes Ziel führen - aber wichtiger noch: sie wird uns einen sanften, zwanglosen Rhythmus für unsere spirituelle Reise lehren. Es gibt keine allgemeingültigen Regeln für diese "Seinskunst". Doch die Signatur dieser einzigartigen Wanderung ist tief in jede individuelle Seele eingeschrieben. Wenn wir auf unser Selbst achten und danach streben, in unserer eigenen Gegenwart zu verweilen, werden wir genau den richtigen Rhythmus für unser Leben finden.
aus: John O´Donohue, Anam Cara (Das Buch der keltischen Weisheit)
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Die Stille
Dem Menschen unserer Tage fehlt die Stille, die äußere und mehr noch die innere Stille, das heißt eine Verfassung, die ihn befähigt, auch im äußeren Lärm und Ansturm des Lebens Stille zu erfahren, zu wahren und auszustrahlen. Es gibt die besondere Stille als Zustand, die nichts zu tun hat mit "Lärm oder Nicht-Lärm", ja mehr noch: für die der äußere Lärm ein Hintergrund sein kann, won dem sich inwendig abhebt, was durch kein Geräusch gestört werdenk kann. Das ist die rechte Stille. Sie ist eine Verfassung des Gemütes - ein zustand der Seele -, an dem sich der Lärm der Welt zu einer "Geräuschkulisse" verwandelt, vor der die innere Stille sich erst vollends entwickelt und bewußt wird.
Es gibt die Stille des Lebens und die Stille des Todes. Die Stille des Todes ist dort, wo sich nichts mehr bewegt. Die Stille des Lebens ist dort, wo nichts mehr die Bewegung der Vewandlung aufhält. Diese Stille ist eine Frucht des inneren Weges.
Die Menschen, von denen Stille ausgeht, weil es in ihrem Inneren still ist, sind selten geworden. An die Stelle der Stille, die aus der Verankerung im Wesen kommt, ist die gespielte "Ruhe", das äußere "Sich-Stillegen" getreten. Die äußere Ruhe, die aus einer Selbsdisziplin kommt, ist aber etwas anderes als die Stille, die eine innere Verfassung kundtut, die keiner Willenshaltung bedarf, um dazusein. Sie ist auch etwas anderes als die "Bierruhe" eines Phlegmatikers, hinter der kein Leben mehr pulst. Gewiß, es gibt die Menschen mit dem "dicken Fell", und es gibt auch die anderen, denen eine alles harmonisierende Schwingungsformel ihrer natur alle Reibungen wegzaubert. Jenen erspart mangelnde Empfindsamkeit und Ansprechbarkeit die störende Erregung. Bei diesen löst sich der störende Einsdruck, der andere erregt, wie auch der innere Impuls, schon ehe er Tiefe gewinnt, in Wohlgefallen auf. Aber die Stille dieser Menschen ist fade und flach. Kraft, Tiefe und Strahlung hat nur die Stille, in der sich die Präsenz des Wesens kundtut, das im Sein nenseits der Gegensätze zu hause ist. Die rechte Stille ist eine Kraft aus unserem himmlischen Ursprung. Wo sie von einem Menschen ausgeht, übet sie eine zugleich lösende und ordnende Wirkung aus. Sie bringt die, die um ihn sind, ohne Worte mehr zu sich selbst. Im Zeichen des Wesens, das in ihr sich ausdrückt, legen sich Wogen der Erregung, ungutes zergeht, und Fragen beantworten sich wie von selbst. In der rechten Stille wird die Stimme des Lebens vernehmbar.
aus: Karlfried Graf Dürckheim, Vom doppelten Ursprung des Menschen
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Heute bin ich einem freundlichen und unbeschwerten Menschen begegnet.
"Wohin gehst du?" fragte er mich.
Ich nannte ein Nachbardorf.
"Wohin gehst du?" fragte er nochmals.
Ich nannte nochmals das Dorf.
"Wohin gehst du?" fragte er mich abermals.
Da ward ich unsicher, und während ich weiterging, frug ich mich selber: "Wohin gehst du?"
Aus: Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten 2
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Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand.
"Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewißheit entgegengehen kann."
Aber er antwortete: "Geh nur in die Dunkelheit und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg."
aus China
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Darin ermahne ich euch: Hört die innere Stimme; seid bestrebt, mehr von innen heraus die Stimme Gottes als von außen die Stimme eines Menschen zu vernehmen. Jene Stimme ist ja voll Herrlichkeit und Kraft; sie erschüttert die einsame Wüste, durchdringt die geheimnisvollen Tiefen und rüttelt die Seelen aus der starren Stumpfheit auf.
Es braucht sich in der Tat keiner zu bemühen, dass er diese Stimme zu hören bekommt. Es kostet eher Mühe, die Ohren zu verstopfen, um nicht zu hören. Kein Wunder, die Stimme bietet sich von selbst dar, sie drängt sich auf und pocht ohne Unterlaß an eines jeden Herzens Türe.
Bernhard von Clairvaux
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Gelassenheit
Freunde fragen mich oft, warum ich so gelassen und glücklich bin, und ich antworte: Mein Geist ist so. Mit einem ruhigen Geist kann man in jeder Situation glücklich sein und findet sich selbst in der heftigsten Umgebung Entspannung.
Ein unruhiger Geist jedoch kann sich selbst in einem harmonischen Umfeld nicht konzentrieren. Nur der Geist ermöglicht uns, den inneren Frieden zu finden und so auf die Umgebung positiven Einfluß auszuüben.
Gerade in einer Zeit wie der unseren ist das Erlangen des inneren Friedens durch Gedanken- und Geistschulung wichtiger denn je. Der Weg nach innen ist der Weg der wirklichen Zuneigung. Nur er kann aus Streitenden neue Freunde machen. Nur so tragen wir zu mehr Menschlichkeit in dieser Zeit bei und arbeiten aktiv für den Weltfrieden.
Dalai Lama
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Zu Grunde gehen
Wer liest, was nicht geschrieben steht,
der findet zwischen Zeilen
den Ort, um zu verweilen
in dem, was nicht geschrieben steht.
Wer schaut, was nicht in Bildern ist,
der findet zwischen Bildern,
was nicht in Bild zu schildern ist
noch außerhalb von Bildern.
Wer hört, was nicht die Worte sind,
der findet in den Worten
die Pforten zu den Orten,
wo Worte nicht die Pforten sind.
Willigis Jäger
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Von der Liebe
Da sagte Almitra: Sprich uns von der Liebe.
Und er hob den Kopf und sah auf die Menschen,
und es kam eine Stille über sie.
Und mit lauter Stimme sagte er:
Wenn die Liebe winkt, folge ihr,
Sind ihre Wege auch schwer und steil.
Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin,
Auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.
Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie,
Auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann
wie der Nordwind den Garten verwüstet.
Denn so, wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich.
So wie sie dich wachsen lässt, beschneidet sie dich.
So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen und die zartesten Zweige liebkost,
die in der Sonne zittern, Steigt sie hinab zu deinen Wurzeln
und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit.
Wie Korngarben sammelt sie dich um sich.
Sie drischt dich, um dich nackt zu machen.
Sie siebt dich, um dich von deiner Spreu zu befreien.
Sie mahlt dich, bis du weiß bist.
Sie knetet dich, bis du geschmeidig bist;
Und dann weiht sie dich ihrem heiligen Feuer,
damit du heiliges Brot wirst für Gottes heiliges Mahl.
All dies wird die Liebe mit dir machen,
damit du die Geheimnisse deines Herzens kennenlernst
und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.
Aber wenn du in deiner Angst nur die Ruhe
und die Lust der Liebe suchst,
Dann ist es besser für dich, deine Nacktheit zu bedecken
und vom Dreschboden der Liebe zu gehen
In die Welt ohne Jahreszeiten, wo du lachen wirst,
aber nicht dein ganzes Lachen,
und weinen, aber nicht all deine Tränen.
Liebe gibt nichts als sich selbst und nimmt nichts als von sich selbst.
Liebe besitzt nicht, noch lässt sie sich besitzen;
Denn die Liebe genügt der Liebe.
Wenn du liebst, solltest du nicht sagen: “Gott ist in meinem Herzen”,
sondern: “Ich bin in Gottes Herzen.”
Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken,
denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf.
Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.
Aber wenn du liebst und Wünsche haben musst, sollst du dir dies wünschen:
Zu schmelzen und wie ein plätschernder Bach zu sein,
der seine Melodie in der Nacht singt.
Den Schmerz allzu vieler Zärtlichkeit zu kennen.
Vom eigenen Verstehen der Liebe verwundet zu sein;
Und willig und freudig zu bluten.
Bei der Morgenröte mit beflügeltem Herzen zu erwachen
und für einen weiteren Tag des Liebens dankzusagen;
Zur Mittagszeit zu ruhen
und über die Verzückung der Liebe nachzusinnen;
Am Abend mit Dankbarkeit heimzukehren;
Und dann einzuschlafen mit einem Gebet für den Geliebten im Herzen
und einem Lobgesang auf den Lippen.
aus: Khalil Gibran, Das große Khalil Gibran-Lesebuch
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Der Gott der Bibel
ist ein lebendiger Gott. Er lässt sich nicht in Zwangsjacken stecken. Wie bei Jesus kommt der Wandel wahrscheinlich nur über Auseinandersetzungen mit Leid und Tod. Die Atombombe musste erst fallen und der gefürchtete GAU in den Atomwerken musste erst passieren, bis wir aufgewacht sind. Die Geschichte vom Exodus aus Ägypten vollzieht sich heute in einem viel umfangreicheren und dramatischeren Ausmaß. Wir sollten aus einer Weltsicht ausziehen, aus unserem Verhaftetsein an traditionelle Weltanschauungen und Glaubensvorstellungen.
Wir sind geknechtet von unseren überkommenen Konzepten und wagen es nicht, uns zu befreien. Auch Religionen haben für einen Wandlungsprozeß offen zu sein.
aus: Willigis Jäger, Wohin unsere Sehnsucht führt
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Ego
Manchmal ist es angebracht, das Oberflächenbewußtsein "Ego" zu nennen. Aber in Wahrheit hat dieses Ego keine substantielle Existenz. Es ist nur ein Konzept, eine Weise der Täuschung. Habt ihr einmal echte Selbst Erfahrung erlangt, werdet ihr dieses gedachte Ich als eine Art Welle oder einen prächtigen Lichtschein eurer Wesensnatur erleben.
aus: Die torlose Schranke Mumonkan. Zen-Meister Mumons Koan Sammlung
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Identität
"Wie sucht man Einheit mit Gott?"
"Je mehr du suchst,
um so größer wird die Entfernung zwischen Ihm und dir."
Wie überwindet man diese Entfernung?"
Begreife, dass sie nicht wirklich vorhanden ist."
Bedeutet das, Gott und ich sind eins?"
"Nicht eins, nicht zwei."
Wie ist das möglich?"
"Die Sonne und ihr Licht, der Ozean und die Welle,
der Sänger und sein Lied.
Nicht eins. Nicht zwei."
aus: Anthony de Mello, Eine Minute Weisheit
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Suche nach Gott
Ich habe die ganze Welt
auf der Suche nach Gott durchwandert
und ihn nirgendwo gefunden.
Als ich wieder nach Hause kam,
sah ich ihn an der Tür meines Herzens stehen,
und er sprach:
"Hier warte ich auf dich seit Ewigkeiten"
Da bin ich mit ihm ins Haus gegangen
Rumi
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Das Wesentliche
Der Reifen eines Rades wird gehalten von den Speichen,
aber das Leer zwischen ihnen ist das Sinnvolle beim Gebrauch.
Aus nassem Ton formt man Gefäße,
aber das Leere in ihnen ermöglicht das Füllen der Krüge.
Aus Holz zimmert man Türen und Fenster,
aber das Leere in ihnen macht das Haus bewohnbar.
So ist das Sichtbare zwar von Nutzen,
doch das Wesentliche bleibt unsichtbar.
Lao-tse
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Gott
wohnt in einem Licht,
zu dem die Bahn gebricht.
Wer es nicht selber wird,
der sieht ihn ewig nicht.
Halt an, wo läufst du hin?
Der Himmel ist in dir.
Suchst du Gott anderswo,
du fehlst ihn für und für.
Du reisest vielerlei,
zu sehn und auszuspähn.
Hast du nicht Gott erblickt,
so hast du nichts gesehn.
Man kann den höchsten Gott
mit allen Namen nennen;
man kann ihm wiederum
nicht einen zuerkennen.
Gott ist so überalls,
dass man nichts sprechen kann;
drum betest du ihn auch
mit Schweigen besser an.
Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann
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